[Kommentar] Eine unbequeme Wahrheit: Android und das Web

androidAls stolzer Android-Besitzer mag man es fast gar nicht sagen, aber in bestimmten Bereichen hat Android noch viel vom Konkurrenten iOS zu lernen. Von vielen Kritikern der Plattform wird vorgeworfen, dass es eine starke Fragmentierung gibt, doch was die wenigstens dabei berücksichtigen, ist, dass nicht die große Anzahl der Geräte das große Problem direkt ist, sondern viel mehr die Update-Praktik der Hersteller.

Wenn man sich aktuelle Statistiken ansieht, so sieht man schnell, dass nicht mal Top-Geräte wie das sehr beliebte Samsung Galaxy S II so viele verkaufte Geräte wie beispielsweise das iPhone 4 aufweisen kann, aber dennoch sehr wohl einen großen Teil des Marktanteils von allen Androidgeräten für sich beanspruchen können; nicht umsonst ist das Google-System im Smartphonebereich weit vor dem iOS führend in Ländern wie Südkorea, und auch weltweit vorne mit dabei.

Langsame Updates ?

Da alle Android-Handys von Samsung, LG, HTC, Motorola und Sony Ericsson als große Hersteller aber eben auf Android setzen, sollte ein Update eigentlich schnell von statten gehen (sofern unterstützt). Sollte, denn leider zum einen müssen die proprietären Anteile für beispielsweise die Kamera von den Hersteller an die zurzeit alle 4-6 Monate erscheinenden Updates von Google auf die nächste Android-Version anpassen und testen, dabei vergehen auch schnell mal weitere 6 Monate. Gut, wenn man jetzt nicht auch noch ein gebrandetes Handy hat, weil sonst muss man auf das Over-The-Air Update des Providers warten. Und ob dieser das bei Zeiten oder gar überhaupt hinkriegt, ist immer eine Frage. In meinem Fall ein eindeutiger Grund der original T-Mobile gebrandeten Android 2.1 ROM Good-Bye zu sagen und mein dann gerootetes HTC Desire eine deutlich schnellere und kompaktere ROM zu verpassen.

Das unter diesen langen Updatezyklen die Google-Experience stark leidet, ist dem Suchriesen aus Mountain View auch schnell bewusst geworden und hat erste Schritte dahin unternommen, dass Standardapps wie Youtube, Maps oder Gmail in den Android Market ausgelagert werden und somit unabhängig vom eigentlichen System bequem geupdatet werden können.

Starke Fragmentierung der Benutzeroberflächen

Eine weitere Einschränkung der Update-Fähigkeit ist die Anpassung der Oberfläche durch die Hardware-Hersteller, Samsung hat beispielsweise TouchViz, HTC die Sense-UI, LG S-Class, Motorola MOTOBLUR (nicht mehr) und Sony Ericsson Rachael bzw. TimeScape.

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Diese kann nur per “Over The Air” aktualisiert werden, da sie eine tief gehende Anpassung darstellt. Mit der für Tablets optimierten Android 3-Version hat Google dem ganzen in sofern einen Riegel vorgeschoben, als dass hier einiges an der Benutzeroberfläche verbessert wurde und auch die Mindestanforderungen an CPU und anderen Details sehr streng genommen werden, sodass die neuen Tablets von Motorola (XOOM), Samsung (Galaxy Tab 10.1) oder Acer (Iconia Tab A500) zwar theoretisch auch wieder ihre eigenen Benutzeroberflächen mitbringen können, Google aber das hier weniger gerne sieht.

So gesehen ist nicht die Fragmentierung der verschiedenen unterschiedlichen Geräte das wahre Übel, sondern viel mehr die Update-Praktiken der Handyhersteller und im Anschluss die der Handy-Netzbetreiber, die teilweise das Branding und die daraus folgende Abhängigkeit der Kunden an die Anpassung und der Freigabe durch eben den Provider ausnutzen. So hat beispielsweise Vodafone ein Update herausgebracht, was urtümlicher weise als offizielles Update auf Android 2.2 Froyo verkauft wurde, jedoch anstelle von dem eigentlich erwarteten Update lediglich ungewollte verbuggte Programme aus der Vodafone 360 Appsammlung eingebracht hat.

Für die meisten dürfte der Stock-Browser mit eins der wichtigsten Werkzeuge der alltäglichen Nutzung sein. Große Webseiten wie Facebook sind zwar mit Apps vertreten, doch deren Mehrwert gegenüber der Website ist bescheiden bis hin zu “eine Frechheit”. Die Ausnahmen sind extra für die mobile Anwendung entwickelte Produkte wie Spiele, Tools wie Evernote oder die Google Produktlinie mit Apps für Youtube oder Google+, wobei die mobilen Webapps von Google sich auch sehen lassen können. Doch eben genau dieser Browser leidet unter dieser Update-Politik über die Handy-Entwickler und Provider extrem - er ist schon so dem mobilen Safari leider in einigen Funktionen deutlich unterlegen.

In Anbetracht, dass eben man teilweise zwangsweise eben auf die Webversion ausweichen muss, weil man beispielsweise bei Facebook jemanden taggen möchte (es geht in der neusten Version wohl, aber da Facebook sich mit dem Update noch mehr Kontrolle über das Handy einverleiben möchte, haben viele (einschließlich mir) bislang auf dieses Update verzichtet), wird dieses Problem nicht gerade irrelevanter. Umfragen haben zwar ergeben, dass der durchschnittliche Androidnutzer rund 60% der Zeit mit nativen Apps und die verbleibende Zeit mit dem Webbrowser verbringt, doch so heißt das nach wie vor, dass dieser als einzelne App dennoch eine hohe Relevanz hat.

Nicht Abwärtskompatibel

HTML 5 (Bild: W3C)

HTML 5 (Bild: W3C)

Als Webentwickler hat man trotz der Zeiten von HTML5 noch nicht so viel APIs wie eine native App zur Verfügung, doch unterscheiden sich die Entwicklungen zwischen den gängigen Smartphone Betriebssystemen sowohl untereinander als auch in den Entwicklungszyklen stark, sodass eine App, die für Version X entwickelt wurde, meist nicht in älteren Versionen lauffähig ist. Wir stehen nach wie vor noch recht weit am Anfang, und Ideen wie Mozillas Boot To Gecko könnten für einigen neuen Wind sorgen, der den großen Entwicklern zurzeit fehlt.

Doch das Problem der Stagnation in der Entwicklung trat bereits schon einmal im Bereich der Browser auf: nach den Browserkrieg zwischen Microsofts Internet Explorer, der als gratis Beigabe zu Windows 95 ausgeliefert wurde, und dem Firefox Vorgänger Netscape, welcher zu der Zeit immerhin 30$ kostete, war nach dem Sieg vom Microsoft die dabei vorhandene Innovation wieder abgefallen und der Internet Explorer 6 beherrschte über 6 Jahre das Webgeschehen, bis schließlich ein deutlich verbesserter Internet Explorer 7 (welcher aber immer noch meilenweit hinter Firefox und Opera herhinkte) erschien und mühseelig wenigstens einige davon zu überzeugen, dass ihr alter IE6 eine Katastrophe darstellte.

Während also heutzutage neben Mozilla, Google, Opera und Apple sogar Microsoft mit ihren Browsern im Desktopmarkt wieder wirklich was leisten wollen und auch das letzte bisschen Leistung herausholen versuchen, scheint es mit den Pendant im mobilen Bereich eher gemächlich voran zu gehen - der Druck ein wirklich herausragendes Produkt auf einer Ebene mit dem Desktop gibt es nicht. Mag auch daran liegen, dass vielerlei der neuen Funktionen für den mobilen Bereich weniger taugen oder schwierig umzusetzen sind, jedoch sind andere Funktionen wie Multitouch-API oder Geolocation-API gerade bei mobilen Geräten mit Touchbildschirm relevant, aber dennoch nur in nativen Apps implementiert.

Android Browser schwächelt?

Nutzung von Android Versionen

Nutzung von Android Versionen

Auf der Google I/O im letzten Jahr hatte man Android 2.2 Froyo und die großen Geschwindigkeitssteigerungen gezeigt. Das betraf insbesondere auch den Web-Browser, dem man einen Port von Googles V8-Javascriptengine verpasste, die schon bei Chrome direkt bei seiner Veröffentlichung zum schnellsten Browser gemacht hatte und Apples Mobile Safari um Längen auch mobilen Bereich abhängte. Diesen Abstand konnte man weiterhin halten, doch der Funktionsumfang an neuen APIs wurde nicht erweitert.

Die Layout-Engine Webkit, welche Open Source primär von Apple entwickelt wird und Safari und Chrome antreibt, hat zwar auf dem Desktop diese Schnittstellen gesponsert bekommen und Apple hat sich auch daran gemacht zumindest Teile der Neuerungen auch auf seinen iPhones und iPads anzubieten, doch leider scheint diese Koordination bislang noch nicht effektiv bei Google zu funktionieren. Möglicherweise liegt es am indirekt konkurrierenden Chrome OS, welches nichts anderes als ein modifiziertes minimalistisches Linux mit Chrome darstellt. Denn dort fließen alle Neuerungen des Chrome Browsers direkt ein, was aber auch daran liegen mag, dass man hierfür die selbe Abteilung verpflichtet hat.

So verwundert es nicht, wenn Web-Entwickler und Blogger Shi Chuan titelt “Android Browser Updates sind 31536000 mal langsamer als die vom Chrome Browser”, da Chrome auf dem Desktop-Computer quasi sofort bei neuen Features ein Update im Hintergrund einspielt, während man beim Android Browser auf ein komplettes Update von Google, Handyhersteller und möglicherweise auch noch Provider warten muss.

Im Rahmen der Google I/O gab man bekannt, dass man mit allen großen Hersteller beschlossen hätte, dass Updates schneller erscheinen sollen und für mindestens für 18 Monate nach Erscheinen des Smartphones oder Tablet garantiert werden (auch wenn mit der Einschränkung, dass die Technik dies schaffen muss). Mit dem Kauf von Motorolas Handysparte will man sich laut Google vor allem gegen die Ansprüche und Klagen gegen Android und seine Partner wehren, da Motorola einig erfolgversprechende Patente in seinem großen Portfolio besitzt. Doch ist zu bezweifeln, dass ein Kauf nur wegen der Patente solch eine gewaltige Summe rechtfertigt und die Gerüchte gehen von gratis Androidhandys bis hin zu dem Anspruch, mit Motorolas Mobilfunkabteilung die nächsten Top Geräte zu kreieren. Fest steht jedoch, dass mit Google als Chef der Motorola Handys Updates für diese Plattform sicherlich schneller von statten gehen und damit die anderen Hersteller unter Druck gesetzt zu werden, der Weiterentwicklung des Systems für ihre Smartphones zu folgen und somit endlich zeitnaher Updates anbieten.

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Pascal
ist seit 2010 bei Appexam als Autor tätig. Als bekennender Technikfan ist er immer auf der Suche nach neuen Spielzeugen und offen für unabhängige Tests. Auch zu finden auf Google+

Ein Kommentar zu “[Kommentar] Eine unbequeme Wahrheit: Android und das Web”

  1. Htc Desire sagt:

    Ein wirklich sehr gelungener Artikel! Ich bin ganz deiner Meinung, dass Android mit der Updatepolitik IOs leider stark hinterherhinkt. Einige gute Beispiele sind, dass nicht mal das Galaxy S1 ein Update auf 4.0 erhalten, obwohl es zu den meistverkauften Android Smartphones gehört und noch nicht ganz zum alten Eisen gehört.
    Ich hoffe, dass die Hersteller es schaffen, dieses Problem zu lösen, obwohl ich nicht ganz davon überzeugt bin. Das S2 hat nach 4 Monaten noch immer kein Update auf 4.0 geschafft!

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