Kommentar: Facebook Home - wo Menschen wichtiger als Apps sind

Facebook hat vorhin seine neuen Ambitionen zum Thema Apps und Präsenz unter Android vorgestellt. Das Kind ist ein Android-Launcher und hört auf den Namen Facebook Home. Das alles mit dem Ziel Verbindungen zwischen Menschen in den Vordergrund zu rücken und die Apps dafür in den Hintergrund.

Das HTC First wird mit Facebook Home ausgeliefert

Das HTC First wird mit Facebook Home ausgeliefert

So in etwa hat es Mark Zuckerberg vorhin erklärt. Meine erste Reaktion darauf war: das kommt mir doch sehr bekannt vor. Denn: bereits Microsoft hatte fast genau das gleiche gesagt, als man vor etwas mehr als 2,5 Jahren Windows Phone 7 mit People Hub vorgestellt hat. Auch HTC hatte bei der Präsentation des HTC Ones Ende Februar für den ebenfalls stark visuell ausgerichteten BlinkFeed als Erweiterung des bisherigen Sense-Launchers gewisse Parallelen aufgewiesen, auch wenn man bei HTC von 160 mal pro Tag auf das Handy schauen und nicht nur 100 mal wie Mark Zuckerberg ausging. In jedem Fall scheinen alle eins begriffen zu haben: das Handy ist für viele ein unverzichtbarer Alltagsgegenstand geworden, da es den Zugang zu Web, Freunde und Apps bedeutet.

Lockscreen von Facebook Home inklusive Nachrichten

Lockscreen von Facebook Home inklusive Nachrichten

Soweit so gut, also ein legitimes Problem, das es zu lösen gilt. Dennoch wird wohl eher nur ein kleiner Teil wirklich froh mit der Idee von Facebook werden, und ob HTC sich mit dem eher aussichtslosen Smartphone einen wirklichen Gefallen tut, wage ich zu bezweifeln. Aber vielleicht ist es ja das einfach zu verdienende Geld, welches HTC sicherlich auch gut tun kann, denn selbst bei überragender Qualität werden wohl deutlich mehr Kunden zu dem Galaxy S4 greifen - gegen schwache Kundenzufriedenheit in der Vergangenheit und einem Werbebudget von Samsung kann man nur schwer bestehen. Aber ich schweife ab. Der Grund, weshalb ich davon ausgehe, dass Facebook Ansatz scheitern wird, ist die starke Einschränkung im Vergleich zu Lösungen wie der zwar versteckte Peoples Hub oder HTCs eigener BlinkFeed. Facebook zeigt ausschließlich die Daten aus dem eigenen Netzwerk an, was zwar durchaus legitim aus Firmeninteresse ist, aber aus Konsumentensicht für alle anderen Informationsquellen einen erheblichen Mehraufwand bedeutet. So sind beispielsweise keine Widgets möglich, die direkt neue Headlines von Zeitschriften und Magazinen anzeigen können, keine neuen Emails, keine Musiksteuerung auf dem Homescreen oder ähnliche Bequemlichkeiten - hier muss man dann sehr wohl wieder in die einzelnen Apps navigieren - die sich in einem versteckten App Drawer befinden und somit wieder extra Schritte bedeuten.

Schaue ich auf meinem Handy, so finden sich vor allem Kurznachrichten, über die ich mich mit meinen Freunden kurzschließe. Nicht etwa die teure SMS, sondern hauptsächlich WhatsApp, auch trotz aller Sicherheitsprobleme mit der App. Doch bei Facebook wird man natürlich einen Teufel darum tun, solche Dienste bequem einzubinden - sie konkurrieren schließlich mit dem eigenen Messenger, der dafür um so präsenter stets als Overlay bereit steht. Da sind mir die gelungenen Animationen und die SMS-Integration im Endeffekt trotzdem ziemlich egal, denn wie bereits vorher gesagt: ich nutze dann doch hauptsächlich einen anderen mindestens genauso populären Dienst, der nun aber versteckt wird.

Der App Drawer von Facebook Home funktioniert zeigt wie ein traditioneller Homescreen nur einige ausgewählte Apps an

Der App Drawer von Facebook Home funktioniert zeigt wie ein traditioneller Homescreen nur einige ausgewählte Apps an

Bei der Präsentation haben die einzelnen Verantwortlichen von Facebook das tolle Design gelobt, welches komplett auf den sogenannten UI Chrome verzichtet. Heißt: keine Navigationselemente und keine Statusleiste. Das ganze sieht in der Tat schick aus und lässt die Fotos und privaten Updates (wer braucht schon Datenschutz?) komplett in den Fokus rücken, doch missachtet die Regel form follows function, da die wichtigen Nichtigkeiten eines Smartphones wie Uhrzeit, Akkustand und Benachrichtigungen leider nicht sichtbar sind - und ich unterstelle hier einfach einmal, dass dies mit Absicht passiert, denn nichts soll ja vom Facebookgebrauch ablenken oder gar andere Apps vorziehen (Konkurrent WhatsApp?). Sicherlich: innerhalb von den meisten Apps werden dann wieder die Statusleiste und die sonstigen Bedienelemente angezeigt, doch Facebook setzt ja den Hauptverwendungszweck auf den Homescreen.

Schon am BlinkFeed schieden sich die Geister - doch anders als bei Facebook Home ist er optional und lässt deutlich mehr Möglichkeiten zu. Ich bin schon gespannt, wie die anderen Magazine und Seiten Facebooks Vorstoß vermutlich zerreißen werden. Am 12. April erscheint der Launcher dann in Google Play und ich werde ihn mir zumindest mal trotzdem anschauen - solange Facebook aber nicht kapiert, dass man manchmal eben auch seine eigenen Interesse in einem solchen Fall etwas zurücknehmen muss, rechne ich mit keiner großen Halbwertszeit. Vielleicht richtet es ja dann eben Google mal wieder…

Pascal
ist seit 2010 bei Appexam als Autor tätig. Als bekennender Technikfan ist er immer auf der Suche nach neuen Spielzeugen und offen für unabhängige Tests. Auch zu finden auf Google+

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